Thema: Krankheit und Gesundheit

Eine Frage der Perspektive?!

Thema: Krankheit und Gesundheit
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von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin

Berührt von dem Artikel meiner wunderbaren Kollegin, muss ich an meine Mutter denken. Auch sie leidet an Vergesslichkeit. Eine gestellte Frage und die Antwort ist schon wieder vergessen, sodass dieselbe Frage gleich noch mal gestellt wird. Weise ich sie drauf hin, winkt sie ab, um mir etwas irritiert zu gestehen, dass sie selbst schon bemerkt habe, dass sie in letzter Zeit vieles vergesse. Aber, betont sie mit Nachdruck, ich solle bloß nicht denken, dass sie krank sei. Das würde sich schon wieder geben. Es gehe ihr gut.

Was die Leute denken

Ist es die Angst, krank zu sein? Abstempelt zu werden? Ich empfinde Mitgefühl mit meiner Mutter, aber auf meine Frage, ob ihr die Gedächtnisschwäche Angst mache, schüttelt sie den Kopf. Angst? Nein, aber, was denken die Leute?

Diese Frage stellen sich viele. Gerade die, die doch eigentlich nicht krank werden sollten, repräsentieren sie doch Gesundheit, Vitalität und Lebensfreude. Und wenn doch mal der Schnupfen kommt, der Husten, der sich gar nicht gut anhört, fällt es schwer, dazu zu stehen. Dabei ist es doch zutiefst menschlich, krank zu werden. Wir sind nicht gefeit vor Krankheit, Alter und Tod. Sie gehören zum Leben dazu, einem Leben, das sich unserer Kontrolle entzieht.

Gesundheit als Pflicht

Aber was ist eigentlich krank und was gesund? Meine Mutter leidet am Korsakow-Syndrom. Eine Folge versteckten Altersalkoholismus'. Jede*r dachte zunächst, sie leide an Demenz. Alles eine Frage der Diagnose, die meine Mutter weder interessiert noch hilft. Und ihr Nachbar sagt, dass er das nicht glauben könne. Wir tränken doch alle gern mal ein Gläschen. Auch über den Durst. Da werde man doch nicht gleich krank!

Gesundheit scheint zur Pflicht geworden zu sein. Krankheit ein Makel. Der Kollege ist zu fett, die Nachbarin wird an ihren Zigaretten zugrunde gehen und das Immunsystem des jungen Mannes von gegenüber wird sicher bald zusammenbrechen, wenn er weiterhin nicht wenigstens zweimal in der Woche Sex hat. Aber bloß nicht übertreiben! Das kann nach hinten losgehen!

Perspektivwechsel

Der Zeitgeist diktiert, was krank ist oder gesund. Als ich mich in der Schule an dem runden Bauch meines freundlichen Mathematiklehrers erfreute, galt seine einnehmende Erscheinung noch als gemütlich. Eben eher der väterliche Typ. Und mein Philosophieprofessor, der im Hörsaal durch den nebeligen Dunst seiner Zigarette Nietzsches Werk erläuterte, strotzte nur so vor Charisma. Wir lagen ihm zu Füßen!

Wie denken wir heute über verrauchte Hörsäle? Dickbäuchige Männer oder alte Frauen? In welche ungemütlichen Ecken und verstaubten Schubladen werden Menschen, die dem heutigen Gesundheitsideal nicht entsprechen, schamlos gesteckt?

Ich glaube, es ist was dran an dem Satz: Jede*r ist so krank oder gesund, wie sie oder er sich fühlt. Und - nicht zu vergessen – ERDENKT. Vielleicht liegt hier die Crux (lat.: Kreuz; auch: seelischer Schmerz). Unser Denken kann nicht über die Dualität hinaus, bewegt sich hin und her zwischen gesund und krank, glücklich und unglücklich, angenehm und unangenehm usw. Aber es gibt etwas, was über unser Denken hinausgeht. Dies zu finden würde sich lohnen.

Ein Artikel von Martina Seifert

Yogalehrerin, Texterin

Hegede 6
33617 Bielefeld

www.beherzt-yoga-bielefeld.de

 

 

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